Toleranzen im Maschinenbau

So genau wie nötig statt so genau wie möglich

Die beste Toleranz ist nicht die kleinste. Sie ist diejenige, die die Funktion eines Bauteils über den gesamten Lebenszyklus sicherstellt, und zwar bei vertretbaren Herstell-, Prüf- und Ausschusskosten. Jedes Zehntel, das enger toleriert wird, als die Funktion es verlangt, erzeugt Aufwand ohne Gegenwert.

In der Praxis passiert das häufiger, als man denkt. Meist aus Vorsicht, manchmal weil eine Vorlage aus einem früheren Projekt übernommen wurde. Und es passiert gerade in einer Phase, in der sich die Normen für Allgemeintoleranzen deutlich verändern. Wer heute noch mit dem Stand von 2018 arbeitet, schreibt Angaben auf Zeichnungen, die anders gelesen werden als beabsichtigt.

Was eine engere Toleranz in der Fertigung tatsächlich auslöst

Vom Schlichtgang zum zusätzlichen Verfahren

Solange eine Toleranz im normalen CNC-Bereich bleibt, kostet sie nichts Zusätzliches. Eine Stufe enger bedeutet in der Regel einen weiteren Schlichtgang und engere Werkzeugüberwachung. Branchenangaben nennen dafür Größenordnungen von 15 bis 30 Prozent Mehraufwand. Zwei Stufen enger heißt Feinschlichten, temperierte Messung und häufig eine Vollprüfung, was mit 40 bis 80 Prozent beziffert wird.

Der eigentliche Sprung ist aber kein Prozentwert. Er liegt dort, wo Drehen und Fräsen allein die Vorgabe nicht mehr sicher erreichen und Schleifen dazukommt. Damit entstehen eine zweite Aufspannung, ein zweites Rüsten, eine eigene Messung und oft eine andere Maschine. Aus einer Zahlenänderung auf der Zeichnung wird ein zusätzlicher Prozessschritt in der Fertigungsfolge.

Warum der Aufwand beim Einzelteil doppelt zählt

Bei Serien verteilen sich Rüsten, Programmierung und Erstmusterprüfung auf die Stückzahl. Bei Losgröße 1 nicht. Der komplette Vorbereitungsaufwand liegt auf einem Teil, und der Prüfaufwand für ein enges Maß ebenso. Genau deshalb wirkt eine unnötig enge Vorgabe im Sondermaschinenbau und im Vorrichtungsbau stärker als in der Serienfertigung.

Oberflächenangaben als eigener Kostentreiber

Ein Punkt, der auf Zeichnungen regelmäßig untergeht: Die Rauheit ist nicht Teil der Allgemeintoleranzen nach ISO 2768. Sie muss separat angegeben werden, und sie folgt derselben Logik. Der Schritt von Ra 3,2 auf Ra 0,8 ist mit modernen Maschinen günstig zu haben, er kostet einen zusätzlichen Schlichtgang. Der Schritt auf Ra 0,2 erfordert Schleifen nach dem Fräsen und damit wieder einen eigenen Prozess.

Allgemeintoleranzen nach ISO 2768: der Stand heute

Teil 1 gilt weiter, Teil 2 ist zurückgezogen

Die ISO 2768-1 mit den Toleranzklassen f, m, c und v für Längen- und Winkelmaße ist unverändert in Gebrauch. Der Teil 2 mit den Allgemeintoleranzen für Form und Lage wurde jedoch 2021 international zurückgezogen und durch die ISO 22081 ersetzt, die seit Oktober 2022 als DIN EN ISO 22081 vorliegt.

ISO 22081 und DIN 2769 gehören zusammen

Der entscheidende Unterschied: Die ISO 22081 enthält keine Zahlenwerte. Sie beschreibt das Konzept, die konkreten Werte legt die Konstruktion selbst fest. Damit daraus keine Lücke entsteht, wurde national ergänzend die DIN 2769 entwickelt, die Tabellenwerte bereitstellt. Die drei Dokumente sind nicht austauschbar: ISO 2768 liefert Größenmaßtoleranzen, ISO 22081 das Anwendungskonzept, DIN 2769 die ergänzenden Werte.

Was der Eintrag ISO 2768-mK heute bedeutet

Das K in dieser vertrauten Angabe stammt aus dem zurückgezogenen Teil 2. Ein undatierter Verweis gilt damit auf allen bestehenden Zeichnungen als durch die ISO 22081 ersetzt. Wer heute kommentarlos „ISO 2768-mK“ ins Schriftfeld schreibt, erzeugt genau die Mehrdeutigkeit, die eine Allgemeintoleranz eigentlich vermeiden soll. Zwei saubere Wege gibt es: die alte Norm datiert angeben, oder auf ISO 22081 in Verbindung mit DIN 2769 umstellen.
Zu beachten ist außerdem der Tolerierungsgrundsatz. Für Zeichnungen ab 2012 gilt standardmäßig das Unabhängigkeitsprinzip nach ISO 8015. Maß- und Formtoleranzen werden also getrennt betrachtet. Wer die Hüllbedingung braucht, etwa um die Passungsfähigkeit eines Sitzes abzusichern, muss sie ausdrücklich kennzeichnen. Sobald irgendein Symbol aus dem ISO-GPS-System auf der Zeichnung steht, gilt dieses System als vereinbart.

Welches Maß welche Genauigkeit braucht

Jede engere Toleranz sollte sich aus einer konkreten Funktion ableiten lassen. Vier Fragen führen dabei zuverlässig zum Ziel: Was muss montierbar sein? Was muss sich bewegen oder abdichten? Welche Bezüge sind funktional und nicht nur bearbeitungsbedingt? Und welche Streuungen treten über die gesamte Prozesskette real auf?

Merkmal Typische Anforderung Warum
Unkritische Außenkontur Allgemeintoleranz Bauraum, Handhabung, Optik
Durchgangsbohrung für Schrauben Spiel und Positionsbereich Montierbarkeit sichern
Passstift- und Zentrierbohrung Maß- und Lagetoleranz Reproduzierbare Position
Wellen- und Bohrungssitz ISO-Passung, meist Einheitsbohrung Spiel, Übergang oder Presssitz
Dichtfläche Form und Rauheit Leckage und Setzverhalten
Lager- und Führungsfläche Maß, Form, Rauheit, Bezug Laufverhalten und Lebensdauer

Am gefrästen Lagerbock lässt sich das gut durchspielen. Der Abstand der Befestigungsbohrungen ist meist nur montagekritisch und kommt mit der Allgemeintoleranz aus. Der Lagersitz braucht eine definierte Passung, gegebenenfalls Zylindrizität und eine passende Rauheit. Die Planfläche, über die ausgerichtet wird, braucht Ebenheit und Rechtwinkligkeit zur Lagerachse. Drei Merkmale an einem Bauteil, drei völlig verschiedene Genauigkeitsniveaus.

Die Toleranzkette entscheidet, nicht das Einzelmaß

Maßgeblich ist nie das einzelne Maß, sondern die zulässige Abweichung am Schließmaß. Die Worst-Case-Betrachtung addiert alle Einzeltoleranzen und ist damit sicher, führt in längeren Ketten aber zu unnötig engen und teuren Einzelteiltoleranzen.

Die statistische Alternative nutzt aus, dass sich Abweichungen in der Praxis teilweise ausgleichen. Sie setzt allerdings fähige Serienprozesse und belastbare Daten voraus und garantiert nur teilweise Austauschbarkeit. Im Einzelmaschinenbau, wo jedes Bauteil einmal existiert, ist sie deshalb kaum tragfähig.

Der wirksame Hebel liegt hier woanders: in der konstruktiven Entkopplung. Justageebenen, Passstifte, Verstellmöglichkeiten und Einmessen bei der Montage nehmen Toleranz aus der Kette heraus, statt sie in jedem Einzelteil teuer zu erkaufen. Diese Entscheidung fällt in der Konstruktion, nicht in der Fertigung.

Einflüsse, die auf Zeichnungen regelmäßig fehlen

Eine enge Endtoleranz ohne definierte Prozessfolge ist keine Qualitätsforderung, sondern ein Termin- und Kostenrisiko. Vier Punkte werden besonders oft übersehen:

Wärmebehandlung

Verzug nach Härten oder Nitrieren verändert Maße. Aufmaß und mögliche Finish-Bearbeitung gehören festgelegt, bevor die Endtoleranz spezifiziert wird.

Schichtdicken

Verzinken, Beschichten und Eloxieren tragen auf. Bei engen Passungen entscheidet die Frage, ob das Maß vor oder nach der Beschichtung gilt.

Temperatur

Die Bezugstemperatur für alle Maßangaben ist nach ISO 1 auf 20 Grad Celsius festgelegt. Bei Stahl rechnet man üblicherweise mit rund 12 Mikrometer je Meter und Kelvin. Ein 500 mm langes Stahlteil verändert sich bei 10 Kelvin Unterschied also um rund 0,06 mm, bei Aluminium etwa um das Doppelte. Wer auf dieses Maß plus minus 0,02 mm schreibt, spezifiziert unterhalb des Effekts einer warmen Werkhalle im Sommer.

Montagekräfte

Setzverhalten von Schraubverbindungen und Verformung unter Anzugsmoment gehören in die Betrachtung, gerade bei dünnwandigen Bauteilen.

Was nicht prüfbar ist, gehört nicht auf die Zeichnung

Als Orientierung für die Messmittelwahl gilt die Zehntelregel: Die Unsicherheit des Messmittels sollte ein Zehntel der Toleranzbreite nicht überschreiten. Verbindlich ist heute jedoch die Betrachtung nach ISO 14253-1. Danach wird die Toleranz beim Konformitätsnachweis um die Messunsicherheit eingeengt. Liegt ein Messwert in der Grauzone an der Toleranzgrenze, ist weder Konformität noch Nichtkonformität sicher nachweisbar.

Daraus folgt das stärkste Argument gegen vorsichtshalber enge Vorgaben. Eine Angsttoleranz verkleinert den nutzbaren Bereich zweimal: erst durch die Spezifikation selbst, dann durch die Prüfung. Die Normung weist ausdrücklich darauf hin, dass ein weiteres Eingrenzen der Funktionsgrenzen aus Konstruktionssicht nicht sinnvoll ist.

7 Regeln für die nächste Zeichnungsfreigabe

  1. Allgemeintoleranz im Schriftfeld festlegen, aber datiert oder nach ISO 22081 mit DIN 2769.

  2. Einzelmaße nur enger tolerieren, wo Funktion, Montage, Sicherheit oder Austauschbarkeit es verlangen.

  3. Form- und Lagetoleranzen an funktionale Bezüge legen, nicht an Bearbeitungsflächen.

  4. Keine implizite Präzision erzeugen. Nicht angegebene Dezimalstellen gelten nach ISO 8015 als Nullen.

  5. Rauheit nur angeben, wenn Dichtung, Reibung, Verschleiß, Beschichtung oder Optik es erfordern.

  6. Passungen gezielt wählen. Eine H7-Bohrung ist eine Funktionsanforderung, kein Standard.

  7. Die Zeichnung früh mit Fertigung und Prüfung durchsprechen: prozesssicher herstellbar und messbar?

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Die Frage, was eine Toleranz in der Bearbeitung wirklich auslöst, muss deshalb nicht über Lieferantengrenzen hinweg geklärt werden. Seit über 35 Jahren entstehen so Vorrichtungen, Baugruppen und komplette Sondermaschinen, seit 2016 nach ISO 9001:2015 zertifiziert, mit einer Reklamationsquote in der Fertigung unter 0,1 Prozent.
 
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FAQ zu Toleranzen im Maschinenbau

Nein. Sie wurde 2021 international zurückgezogen und durch die ISO 22081 ersetzt, in Deutschland seit Oktober 2022 als DIN EN ISO 22081. Die ISO 2768-1 für Längen- und Winkelmaße gilt weiter.

Das m steht für die mittlere Klasse der Längenmaße, das K für eine Form- und Lageklasse aus dem zurückgezogenen Teil 2. Undatiert eingetragen gilt der zweite Teil der Angabe als durch ISO 22081 ersetzt. Besser ist eine datierte Angabe oder die Umstellung.

Branchenangaben nennen 15 bis 30 Prozent für eine Stufe. Der große Sprung entsteht dort, wo ein zusätzliches Verfahren wie Schleifen nötig wird, weil dann eigenes Rüsten und eigene Messung dazukommen.

Die mittlere Klasse m deckt den Großteil unkritischer Maße ab. Feinere Klassen sollten nur dort stehen, wo die Funktion es begründet.